Die Energiewende ist längst keine abstrakte Idee und kein fernes Zukunftsprojekt mehr. Im Gegenteil: Sie findet bereits statt, und zwar direkt vor der Haustüre. Gelöst ist das Problem trotzdem noch lange nicht, denn sich nur auf Neubauten in urbanen Zentren zu beschränken, reicht im Kampf gegen den Klimawandel keinesfalls aus. Stattdessen muss die Energiewende auch im ländlichen Raum sowie in historisch gewachsenen Städten funktionieren. Genau hier setzt das Forschungsprojekt ZEB4ZEN der Hochschule Magdeburg-Stendal an – mit dem Ziel, sogar in sensiblen Regionen wie in UNESCO-Welterbestätten eine nachhaltige Energieversorgung möglich zu machen.
Nachhaltige Energieversorgung und Kulturerbe: ein einzigartiges Spannungsfeld
Prof. Dr.-Ing. habil. Przemyslaw Komarnicki
Matthias Piekacz
Als Schauplatz des Forschungsprojekts der Hochschule Magdeburg-Stendal dient die Welterbestadt Quedlinburg. Im Fokus steht dabei die Frage: Wie kann eine solche Stadt, deren historische Bausubstanz geschützt ist, dennoch Klimaneutralität erreichen oder zumindest dazu beitragen? Offensichtliche Lösungen wie Photovoltaikanlagen, die anderswo die logische Antwort darstellen, sind hier schlichtweg nicht möglich. Gehandelt werden muss trotzdem, denn auch in Welterbestädten sind die Herausforderungen derzeit groß: hohe Energiekosten, Versorgungsunsicherheit und CO2-Anstiege sind zum Problem geworden – Tendenz weiter steigend.
Prof. Dr.-Ing. habil. Przemyslaw Komarnicki, ausgezeichnet mit dem Forschungspreis 2024, hat sich dieser Frage angenommen und mit seinem Team Konzepte entwickelt, die sowohl rechtlich als auch technisch und wirtschaftlich tragfähig sind, aber dabei das historische Stadtbild bewahren. Dieses Modell soll zukünftig auch in anderen Städten Anwendung finden. Wie? "Es geht nicht nur um den Strom, sondern auch um Wärme und Gas. [...] Wichtig ist, dass wir nachhaltige Technologien einführen, ohne die historische Bausubstanz zu beeinträchtigen. Wir möchten Methoden und Lösungen entwickeln, die überall angewendet werden können", erklärt er. Die Herausforderungen, auf die er dabei mit seinem Team stößt, beschreibt er wie folgt: "Wir müssen Lösungen finden, die sowohl technisch als auch ästhetisch funktionieren und wirtschaftlich tragbar sind. Zugleich müssen wir sicherstellen, dass diese Technologien den Energiebedarf optimal decken können, um einen maximalen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten". Ohne die Unterstützung der Städte selbst, sei dies kaum möglich, beteuert er. Zum Thema
Ein wichtiges Forschungsprojekt für die Hochschule Magdeburg-Stendal – und die Bürger*innen
Laborhallen der Hochschule Magdeburg-Stendal
Matthias Piekacz
Die Forschungsprojekte ZEB4ZEN und SmartRegion LSA schlagen derzeit regional sowie überregional große Wellen. Denn sie gehen weit über das Einzelprojekt hinaus und bergen auch große Chancen für die Bürgeri*innen. Fortan werden dadurch ganze Regionen, insbesondere auch ländliche Räume in Sachsen-Anhalt, als ganzheitliche sowie nachhaltige Systeme betrachtet. Energie, Wasser, Mobilität und Wohnen könnten dadurch gänzlich neu gedacht und in eine nachhaltigere Zukunft überführt werden. Besonders interessant ist, dass dabei auch Künstliche Intelligenz, kurz KI, eine zentrale Rolle spielt. "Ohne KI wären viele der komplexen Berechnungen kaum machbar oder sehr aufwendig gewesen. KI ist für uns ein wichtiges Werkzeug. Vor allem bei der Auswertung der vielen Daten, die wir bei ZEB4ZEN beim Gebäudebestand oder bei Strommessungen sammeln", erklärt Komarnicki und er fügt hinzu: "Die KI kann uns beispielsweise helfen, den richtigen Steuerungsalgorithmus für Batteriespeicher herauszufinden. Sie kann uns später bei der Suche nach Lösungen unterstützen und zur Klärung beitragen, wie das gesamte System gesteuert werden kann".
Impulsgeber für eine erfolgreiche(re) Energiewende
Matthias Piekacz
Gerade jetzt, da sich viele Bürger*innen fragen "wie geht es weiter mit der Energieversorgung?", fungiert die Hochschule Magdeburg-Stendal durch ihre Forschungsprojekte als wichtiger Impulsgeber für die Region sowie international. Dabei zeigt insbesondere ZEB4ZEN auf, dass es auch in sensiblen Gebieten Wege gibt, um eine Dekarbonisierung zu erreichen, sofern Wissenschaft, Technologie und politische Rahmenbedingungen zusammenwirken. Zudem sei es entscheidend, regionale Lösungen zu entwickeln – auch dort, wo keine Photovoltaikanlagen möglich sind. Sobald dies gelingt, ist sich Prof. Dr.-Ing. habil. Przemyslaw Komarnicki sicher, dass nachhaltige Energieversorgung kein Widerspruch mehr zum Denkmalschutz ist, sondern eine Frage der richtigen Technologie und Zusammenarbeit.
Mit seinen mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Energietechnik und Lehre steht Professor Komarnicki sinnbildlich für die Mission der Hochschule Magdeburg-Stendal: praxisnah, zukunftsorientiert und international vernetzt. Ob als Entwickler digitaler Energiepfade, wie beim Projekt DIEGO, oder als Vorreiter für regionale Versorgungssysteme – die Hochschule prägt die Energielandschaft der Region maßgeblich mit. So konnte sie schon jetzt eine klare Antwort auf die Frage geben, wie die Energiewende auch an herausfordernden Orten wie Welterbestädten gelingen kann: Indem geforscht wird; und indem man dort investiert, wo heute schon Lösungen für morgen entstehen.